Texte meines Vaters
WERNER AHNSEHL

V E R K L U N G E N E    L I E D E R















Meine Gedichte














Wohl jeder geistig rege junge Mensch hat in seiner Entwicklung eine Zeit, in der er anfängt, Verse zu machen. Meist ist die erste Liebe der äußerliche Anlaß dazu.
Im Jahre 1937 - also mit 12 Jahren, schrieb ich meine ersten Verse. "HERBST" nannte ich sie. Wer weiß, wo sie geblieben sind, aber ich war sehr stolz auf mein erstes Gedicht und habe es in der Schule vortragen dürfen, sogar das Lob meines Lehrers erntete ich. Ein Jahr später entstanden wieder drei Versereien. Eins davon: "STERBEN" bildet den Anfang dieser Sammlung. Die beiden anderen wanderten in den Papierkorb. -
Ich habe nie die Absicht gehabt, ein Dichter zu werden. Doch ein innerer Zwang trieb mich oft, zu Bleistift und Papier zu greifen, und die Worte entstanden wie von selbst.

Meist waren es Gedanken, oder Stimmungen eines Augenblicks, die ich so festhielt. Nie aber mit dem Wunsch oder der Hoffnung, sie einmal veröffentlicht zu wissen. Ich war auch selbst zu sehr der Überzeugung, daß es keine Gedichte im eigentlichen Sinne sind, sondern nur "geschusterte Verse".
Für mich haben sie lediglich den Wert eines Stimmungsbarometers, sie sind nur eine "Chronik meiner geistigen Entwicklung".
Erst im Jahre 1943 gewannen diese Versereien feste inhaltliche Gestaltung. Das Gedicht "KORNESRAUSCHEN" mag das Beispiel sein.
Später - 1944 - schließen sich Gedichte tieferen Inhalts an, wie: "MORGENTLICHER FRIEDHOFSGANG", "WORT und TAT", doch es mangelt am handwerklichen Können, um hier die Bezeichnung "Gedicht" mit ruhigem Gewissen zu gebrauchen. Nur "DIE WELLE" und "DAS MEER" möchte ich als Gedichte gelten lassen.

Dem 1945 geschriebenen "ZWIESPALT" fehlt es ebenfalls an der vollendeten Form, um das, was ich ausdrücken wollte, zum Kunstwerk - wie es ja zweifellos ein "Gedicht" ist - zu erheben. Der "EINSAME TOD" ist wiederum besser gelungen. Ich habe im übrigen immer feststellen können, daß ich Gefühle besser in Reime bringen kann als gedachte Probleme, obgleich ich für Letzteres eine große Vorliebe besitze. Um die richtige Ausdrucksform für meine "gedachten Probleme" ringe ich noch heute. Der "HÜTER DER WAHRHEIT". einige Abhandlungen und "Aphorismen", sowie meine Kurzgeschichten mögen dies bestätigen.

Vielleicht habe ich in meinen "BETRACHTUNGEN" einen gangbaren Weg gefunden?
Das andere befriedigt mich noch nicht.

"....WEISST DU NOCH?", "KALIOPE und EUTERPE" sowie das Gedicht "ABSEITS" schließen den Ring des Produktiven.

Nach fast dreijähriger Pause begann ich nun Ende 1949 wieder zu schreiben.

Die "OKTOBERNACHT" und "IHR ALLE" zeigen vielleicht den ersten Lichtstrahl einer Entwicklung zum positiven Kunstwerk.
Mit der "RESIGNATION" schließt meine bisherige Sammlung. Ich will aber mit diesem Gedicht nicht "resignieren", sondern nur anklagen.

Doch wen?
Eine Zeit?
Ein Zeitalter, welches morsch und überlebt, heute schon zu zerbrechen, oder zu versinken beginnt?

Mag dieses Gedicht kein Ende sein, oder nur das Ende eines Zeitabschnittes meines Lebens und meiner Entwicklung, möge es vielmehr ein Auftakt sein. Laßt uns hoffen, daß die " V E R K L U N G E N E N L I E D E R " ein Fundament sein werden, ein fruchtbarer Boden, auf dem neue, über die Zeit und mein Leben hinausklingende Lieder entsprießen werden. So seien diese Gedichte zum heutigen Weihnachtsfest meiner lieben Frau und Lebenskameradin gewidmet, mit dem hoffenden Wunsche, daß sie

nicht Ende, sondern Anfang sein mögen.


Weihnachten 1949
Werner Ahnsehl.




STERBEN
Jeder, jeder stirbt einmal,
faltet müde dann die Händ',
Oft nach kurzer Todesqual
kommt ein rasches End'.

Wohl dem, der von Qualen hier
sanft erlöset wird;
denn alle woll'n den Weg zu dir,
zu dir, du großer Hirt!

1938

AUFRUF!

Wer ist es unter euch ihr vielen,
die ihr hier versammelt seid?
Wer ist es der trotz Not und Mühen
zu diesem Wege ist bereit?
1941
........und was liebst du?

Die Liebe ist des Lebens Kern,
man spürt es ganz geheim.
So mancher hat ein Mädchen gern,
möcht' immer bei ihr sein.

Doch braucht es nicht ein Mädchen sein,
was du liebest mit Lust.
Auch anderes das hat man gern,
nur manchmal ....unbewußt!

Drum denke nach, und sage mir,
was du vor allem liebst.
Nicht immer ist's ein schönes Kind,
für das dein Herz du gibst.

Und hast du es, und ist`s kein Weib,
so sage unbeschwert:
"Das was man liebt, und was man ehrt,
das ist des Lebens wert!"

1941

Denke stets daran!
1941

NUR MUT!
Lacht dir das Glück des Lebens einmal,
greif' zu mit starker Hand,
und treffe nie zögernd deine Wahl,
nur Tapferen hält das Glück stand.

Drum zögere nie, und verzage nicht
solange die Saat nicht gesäht,
undlache dem Leben froh in's Gesicht,
und nutze die Zeit, sie vergeht!
1941
Kamerad Pferd - Eine Ballade
Einst ritt ich dahin in pechschwarzer Nacht
durch sonnenverbrannte Steppe.
Seit Tagen schon, kein Wasser, kein Dach,
ich ritt mit dem Tod um die Wette.

Ein Gebet noch schick`ich zum Himmel empor
um auf's Sterben mich vorzubereiten.
Der Hufschlag tönt müde und schwach an mein Ohr,
dann laß' ich die Zügel entgleiten.

Die Richtung verloren?! - Die Steppe ist weit
Weh' dem, der wie ich , ohne Wasser-
Das Flußbett zur Linken ist groß und breit,
doch Wasser? Hier gibt es kein Wasser! -

Ein Wiehern ruft mich wieder zurück.
Mein Pferd ist`s, es wieherte eben.
Jetzt trabt es schon lustig, ich taum'le vor Glück,
es läuft ja zum Wasser, zum Leben! -

Wer hat mich gerettet vor'm qualvollen Tod?
Wer tat's ohne daß ich drum bat?
Es war mein Pferd! Nur ihm gilt mein Lob.
Mein bester Kamerad!
1941
Frisch gewagt!

Die Sonne scheint, der Morgen lacht
nach einer langen finst'ren Nacht.
Der Tag beginnt,
die Zeit verrinnt
eh' du es dir gedacht!

Willst du da feige abseits steh'n
unlustig auf das Treiben seh'n?
Die Kraft vernimm!
Willst du da weinen,
wenn Glück und Glanz vorübergeh'n?

Nur Mut gefaßt! Frisch beginnen!
Soll dein Glück in Nichts zerinnen?
Nicht der Knecht
hat das Recht
sich das Leben zu gewinnen!

Mach' dich frei vom inn'ren Zwange.
Du zögerst schon viel zu lange!
Mach's Herze froh,
bleib immer so
und folge dem heit'ren Drange!

Wer lachend in den Tag eintrat
und abends noch ein Lächelt hat,
ein lachender Mund
zu jedweder Stund'
der säht um sich die beste Saat!

1942
Das Lied der Heimat.

Die Wolken sie stürmen von Sturmwind gejagt,
die Zeit eilt fliehend dahin,
und dunkel und dunkler wird mir die Nacht,
und trübe und trüber mein Sinn.

Nun sitze ich hier ruhend im stillen Hort,
und meine Gedanken sie zieh'n,
fliehen weiter und ferner von diesem Ort,
zieh'n irgendwo, irgendwo hin.

Und langsam und leise erklinget ein Klang,
der schwer meine Seele erfüllt.
Es tönt wie der Heimat vertrauter Gesang
von der Sehnsucht die ungestillt.

Die Töne sie klingen so süß wie noch nie,
so köstlich und schmeichelnd an's Ohr.
Mein Herz ist so plötzlich voller Harmonie,
wie niemals, wie niemals zuvor.

1942
O Heimat wie bist du so schön!

Zwischen den Hügeln, von Wäldern umsäumt,
liegt friedlich im Tal eine Stadt.
Und hoch vom Berge blickt verträumt
die Zinne des Burgturms herab.

Von weitem schon grüßte der Bergfried hier,
als ich wandernd der Heimat nah',
und schneller schlug mein Herz in mir
als ich dich, o Heimatstadt, sah.

Und tief im Herzen ertönet ein Klang.
Den Jubelruf läßt er entsteh'n,
und das Jubeln wird zum Gesang:
"O Heimat, wie bist du so schön!"

1942
Gesundheit ist ein heilig Ding!

So manche Menschen sind verdrossen,
der Eine der hat's hier und dort;
der Zweite, der hat Sommersprossen,
der Dritte hat's am andern Ort.

So ist der Eine voll des Leides,
spricht mit dem Freund, der hat's am Herz.
Kommt dann nach Haus, schon hat er beides.
Grad' wie sein Freund spürt er den Schmerz.

Nun wälzt er Bücher, dicke Schriften,
zu sehen was man dabei tut.
Um dadurch Unheil nur zu stiften,
laut schimpfend auf die "Dokktorbrut".

Dann braut er sich verschie'ne Kräuter
zu einem grausigen Gemisch,
und weil's nicht hilft, probiert er weiter ....
jawohl, der Laie wundert sich.

Er fragt beo Freunden und Verwandten
nach Neuem was ihm helfen kann,
und alle so ein Mittel kannten
was er zu Haus probierte dann.

Doch half ihm nichts, was man als helfend ihm empfohlen,
zu Tode krank liegt er zu Haus.
Nun läßt er schnell den Doktor holen,
der muß jetzt helfen, sonst ist's aus.

Der Doktor kommt, sieht leidend den Patienten,
verschreibt ihm darauf Medizin.
Ermahnt ihn auch daran zu denken,
und gehet dann mit Gruß dahin. -

Der Kranke von der Flasche schleckt,
doch wie verzieht sich sein Gesicht.
Die Medizin sehr bitter schmeckt,
nach Cognac, nee, da schmeckt sie nicht.

"Pfui Teufel!" sagt drauf unser Guter,
"Die Medizin die nehm' ich nicht.
Vergiften will der Doktor mich, das Luder,
doch glaube ich, da irrt er sich!"

Tags drauf, der Doktor nach der Krankheit fragt,
und unser Männlein hurtig spricht:
"Die Krankheit hat mich sehr geplagt,
doch die Medizin, die hilft mir nicht!

Der Doktor kennt des Übels tiefen Grund,
zieht kraus die Stirn und spricht:
Sie machen es mir gar zu bunt,
drum hören sie mal die Geschicht'!:

"Einer, der verdirbt sich arg den Magen,
schon greift er hin zur "Heilbroschüre".
Die soll ihm schnell ein Mittel sagen;
denn sieh, da steht's, der Magen hat Geschwüre.

Als die Tante dann davon erfuhr,
sagt sie: "Trink' lieber nicht den bösen Tee.
Das ist bei dir die Leber nur,
mir tut es auch gerade da so weh.

Der Doktor sagte mal zu mir,
die Leber ist's die schmerzen tut.
Er gab mir diese Pillen hier,
nimm sie nur auch, sie helfen gut!"

Ein Vetter hört's von ungefähr,
und lacht: "Dumm seid ihr alle.
Ich kenn's von meinem Freunde her,
ich weiß genau, es ist die Galle.

Du darfst kein Fleisch und keine Eier essen,
mußt sehr viel laufen her und hin,
ansonsten kauf' dir unterdessen
eine gute Gallenmedizin."

Er tut nun so, wie man ihm hat geboten,
nimmt alles was man ihm empfiehlt.
Hat jede Krankheit, fühlt sich wie die Toten,
und schaudert selbst vor seinem eignen Bild.

Doch was ist's wirklich was dem Armen plagt,
da doch von Krankheit keine Spur? -
Einbildung ist, wie man oft sagt,
auch hier die einz'ge Bildung nur.

Ja, er ward schließlich ernstlich krank,
daß er zum Doktor mußte hin.
Ich sag's euch, dieses ist der Dank
von seiner "Zaubermedizin".

Nicht jedes Mittel hilft für jede Beule,
drum hört, ein Sprichwort sagt's uns all':
"Was für den Einen ist 'ne Eule,
de, amdren ist's 'ne Nachtigall!"

So rat' ich jedem, den was plagt:
Geh' schnell zum Arzt und sag' es ihm.
Nimm nicht das Mittel das der Freund dir sagt,
nimm niemals "Wundermedizin".

Es sprach der Arzt am Bett des Kranken:
"Gesundheit ist ein heilig Ding,
schon' sie, sie wird es dir einst danken!"
Drauf nahm er seinen Hut und ging. -

Juli 1942

ZUR JAHRESWENDE

Heut' ist der Tag,
der Tag der Jahreswende.
Jetzt hat des alten Jahres Plag'
für immer nun ein Ende.

Was hat das alte Jahr gebracht?
Denk' nach in stiller Stunde;
denk' dran in dieser einen Nacht,
und gib uns hiervon Kunde:

Das Jahr war hart,
wie die andern auch zuvor.
Doch unsere frohe freie Art
nie ihren Mut verlor.

Wir stehen hier,
am Anfang neuer Zeiten.
DAs Vergangene ver gessen wir,
und blicken in silberne Weiten.

So wollen wir fest in die Zukunft schau'n:
Komme was kommen mag.
Nur fest auf uns und Gott vertrau'n
bis an den jüngsten Tag!

1942

NUR MUT

Nimmt ein grausam hart Geschick
dir die Hoffnung und das Glück.
Nicht verzagen!
Tapfer tragen!
Denn Erinnrung lenkt zurück!

Juni 1943

Kennst du die Menschen?

Gar mancher dünkt im Urteil sich
sehr weisheitsvoll und klug.
Sein Wissen, glaubt er, weise ihm
die Wahrheit ohne Trug.
Doch anders es die Praxis lehrt;
demm auch die beste Brille
selbst wenn man klug mit ihr verfährt
zeigt nur die äuß're Hülle!
Drum lerne nach dem Herzen seh'n.
Dein Urteil mußt du schleifen! -
Erst dann wird's nicht danebengeh'n,
kannst du dies Herz begreifen!

Juni 1943

Gedicht an die urnitztaler Kurgäste

Heut will ich nun zur Feder greifen,
und Euch durch Verse Grüße senden.
Wird einst für Euch die Stunde reifen,
dann sollt Ihr froh die Kur beenden.

Die Kur ist manchem eine Plage
er sehnt sich gar nach ihrem Ende,
doch allzuoft, hört was ich sage,
ringt bittend er nachher die Hände:
"Oh weh, oh weh, die Stunden eilen,
die Tage fliegen wie der Wind.
Ach könnte ich noch hier verweilen!"
Wie wechselvoll doch Menschen sind. -

Die Gegenwart ist ihnen Plage
selbst wenn die Sonne lacht und strahlt.
Sie hasten nach der Zukunft Tage,
bis sie die Hast zermalmt, zermahlt.
Zu spät erst werden sie dann seh'n,
daß sie im blinden Vorwärtseilen
die schönsten Blumen ließen steh'n.
Ihr Leben kannte kein Verweilen!

Die Kur zeigt's Beispiel Euch im Kleinen,
das Leben führt's im Großen auf.
Doch läßt sich beides gut vereinen,
wie alles hier im Weltenlauf.

So mußt du draus die Lehre ziehen
und danach handeln fürderhin:
Pflück alle Blumen die dir blühen,
behalte stets den frohen Sinn:
Zieh' optimistisch durch dein Leben,
verschmäh`auch kleine Blumen nicht.
Dann kann's für dich kein Unheil geben,
du siehst im tiefsten Schatten Licht!

Juli 1943

KORNESRAUSCHEN!

Goldner Halme weites Meer
wiegen auf und ab.
Wogen treibt's vorm Winde her,
läuft den Berg hinab.

Eilig wind'ger Wellenlauf
furcht der Halme Flut.
Stürmisch rauscht's dem Berg hinauf,
trotz der Sonne Glut.

Welle, wie dein Rauschen lebt
lehrst du früh bis spät;
wie das Leben vorwärts strebt, kommt und dann vergeht. -

Halme wiegen auf und ab
wie des Lebens Bahn:
Von der Wiege bis zum Grab,
stets hinab, - hinan!

Juli - August 1943
Schließ in dein Herz ....

Was heute dir den Tag erhellt,
kann morgen schon versunken sein
im großen Treiben dieser Welt.
Du weißt es wahrhaft nur allein.

Und wenn das Licht der Sterne blaßt,
dieweil ein neuer Tag beginnt.
Vergeht auch was du heute hast
wie Wasser, das im Samd verrinnt.

Drum schließ', wenn Schönes du erlebst,
die Stunde in dein Herze ein;
denn was du in dein Herze legst
wird niemals dir vergessen sein.

Doch sei hier sorgsam mit der Wahl!
Nur Allerschönstes schließe ein.
Mach' nie dein Herz zum Arsenal.
Ein Dom des Glückes soll es sein!

Tritt'st du in andächt'gem erglüh'n
mal in den Dom des Herzens ein,
soll Freude dir im Auge sprüh'n
als deiner Seele Widerschein.

Auch Reue darf dich nicht erfassen,
selbst eitle Freude geht zu weit.
Im edlen Herzen ist belassen
nur tiefe reine Dankbarkeit!

August 1943

ABENDLIED

Still die Nacht herniedersinkt,
leis ein Abendglöcklein klingt.
Die Natur geht nun zur Ruh
und im Tal schläfst auch du.

Lächelnd grüßen Abendsterne
dir von Freunden aus der Ferne.
Müde sinkt dein Haupt zurück,
und du siehst eim Traum das Glück!

1943

Zur Silberhochzeit meiner Eltern!

Vor fünfundzwanzig Jahren heut'
da habt Ihr beide euch gefreit,
an eben solchem Hochzeitstag
als ich noch in dem Teich lag.

Ein viertelhundert Jahre nun
sind seit der Zeit vergangen,
in arbeitsreichem stet'gen Tun
in Freuden und in Bangen.

Weil sich die Zeit nicht halten läßt,
sollt Ihr's nicht reklamieren;
denn diesmal kann zum Hochzeitsfest
auch i c h Euch gratulieren!

1944

Morgentlicher Friedhofsgang.

Gräber um mich, und Finsternis,
des brauenden Nebels Rauschen.
Matt leuchtet des Morgenrots Flammenriß,
das Licht mit dem Schatten zu tauschen.

Die Kränze sprechen vom Menschenvergeh'n.
Ewiges Sinken und Sterben!
Im Osten seh' ich den Tag neu ersteh'n.
Die Nacht seelbst, am Morgen, muß sterben. -

"Sterben" du Machtwort, wie packst du mich an,
sehnst deine Stunde herbei.
Führst an die Gräber mich dichter heran.
Leben, ach Leben - wie eilst du vorbei!

6. 1. 1944

Der "Hüter der Wahrheit" zu sich selbst:

An der Schranke steh' ich hier,
und ich kann nicht weiter!
Endlos glaubt' ich mein Revier,
grad' die Bahn und breiter!
Vor mir stehen Hindernisse
meinen Schritt gehemmt,
seitwärts sich das Ungewisse
mir entgegenstemmt!

Grade war die Straße hier
die mir jäh versperrt,
und ich fühle tief in mir,
wie der Abgrund zerrt!
Und der Sturm es zu mir ruft,
wie der Stimme Schrei:
"Springst du mutig in die Kluft,
macht der Tod dich frei!"

Schaudernd trete ich zurück
und ich denk' dabei,
daß des Lebens letzter Blick
diese Wildnis sei.
Seh' mein Sterben nie erfüllt,
unerreicht mein Ziel.
Meine Sehnsucht ungestillt,
wenn mein Leben fiel!

War's bis heute doch mein Ziel
in die Stadt zu geh'n
und den Menschen kundzutun
was mein Geist geseh'n.
Und zu diesem Ziele ist
nun der Weg verstellt.
Hindernis durch Teufels List?
Durch ein Tun der Welt?

Fast so scheint es mir sogar,
doch nein, sag' das nicht!
Aus den Dingen wunderbar
Gottes Stimme spricht.
Führte Gottes Hand mich her
die Natur zu schau'n?
In der Wirrnis wüstem Meer
abseits lichter Auen?

Soll das Hindernis mich Kraft,
Rast und Weisheit lehren?
Meiner ungestümen Hast
ihren Weg verwehren?
Ist's ein stilles Atmen nur
Kräfte aufzusparen? -
Tiefer fühl' ich die Natur,
will ihr atmen wahren!

Käme selbst an diesen Ort
einst der Tod, mich findend.
Wind, - trägst du die Worte fort
sie der Welt verkündend!
April 1944

VÄTERLICHE MAHNUNG

Sag`, du verfluchest dein Geschick,
daß du das Leben nur erträumt
und denkst bei deinem letzten Blick,
daß du im Leben viel versäumt?

Dich reut, daß du die gerade Straße eilst
die niemals in den Sumpf dich schickt,
daß du am Schönen nicht verweilst,
der Wollust Rausch dich nie entzückt?

Du willst dich in ein Meer versenken?
Vergessen willst du Raum und Zeit?
Du willst dich einem Menschen schenken,
und glaubst, daß dich dies nie gereut?

Und würden Jahre dir enteilen
in schnellem stet'gen Lebenslauf,
du könntest länger nicht verweilen.
Du hieltest - Sohn - die Zeit nicht auf!

Und wärst du einem Gotte gleich:
Wenn du's befiehlst - schon ist`s gescheh`n. -
Mein Sohn - in diesem Himmelreich
da würd' dir Freud' und Herz vergeh'n!

Zum Kämpfer hat dich Gott bestimmt.
Des Lebensschifflein Auf und Ab.
Nur wer es mutig selbst bezwingt
erobert sich den Weg zum Grab!

Zwar müssen alle diesen Weg
in ihrem Leben geh'n.
Doch gehst du selber ihn, bewußt,
wirst du den Sinn des Weg's versteh'n! -

August 194

"Wo Logik sich mit Unsinn paart
entsteht ein Witz ganz eig'ner Art!"

Vorstehende Zeilen habe ich einst gehört, und Christian Morgensterns "Galgenlieder" gelesen.
Darauf floß mir Nachfolgendes ungewollt aus der Feder:


DER H U T

Der Hut, den du am Tage trägst.
und der dein Haupt vor Regen schützt,
den abends du auf's Hutbrett legst -
der schwitzt!

Er schwitzt -
der dir dein Haupt vor Regen schützt,
den abends du auf's Hutbrett legst. -
Der Hut, den du am Tage trägst!

Er, der dein Haupt vor Regen schützt
der Hut, den du am Tage trägst,
und abends du auf's Hutbrett legst,
- der schwitzt!

Im September 1944

I R R L E H R E ?

Ein Weiser er sprach:
"Im Leben und Hasten
dürft ihr nicht mit Sorgen
das Herze belasten.

Laßt nie zum Herzen
Die Sorge herein.
Es muß stets schmerzen-
und leidenlos sein.

Zur Abwehr des Kummers
hast du deinen Geist.
Gib acht, daß kein Schmerz
dein Herze zerreist!"

So grub ich mein Herz
fest in meine Brust,
verwehrt' es dem Schmerz,
verwehrt' es der Lust.

Trotz aller Gefahren
hab' ich es geschont,
und ward in den Jahren
Entsagung gewohnt.

Nun liebt' ich ein Mädchen,
es wollte mein Herz
und gab mir das i h r e ! -
O grünender März!

Fort warf ich das Leiden,
den Schatten der Nacht.
Gott hate uns beiden
das Leben gebracht!
---------------------------------------------------

Doch als ich erwachte
aus seelischer Not,
und mein Herz mir betrachte,
da war es - tot!

11. 10. 1944

FRÜHER TOD

Ich konnt' des Lebens Blüte nicht erreichen.
Zu früh holt`mich zu sich Gevatter Tod.
Im vollen Wind mußt' ich die Segel streichen,
verdämmern schon - im Morgenrot.

Schon vor des Lebens Mittag ist verblichen
die Kraft, die weltumspannend war bereit.
Gott hat im Wind die Segel mir gestrichen,
führt mich in tote Ewigkeit!

Wohl hatt' ich Kraft im Wetter fest zu steh'n,
doch an des Lebens Wurzel nagt der Wurm.
Vergilbt und verblichen - so muß es vergeh'n,
hinweggerafft - hinweg vom Sturm.

Hoch stand der junge Baum. Im Jugend Lohne
erhob er seine Krone stolz.
Doch morsch in seinem Stamm das Holz,
senkt' er zur Erde wieder seine Krone,
und wieder Erde ward sein Holz.

Ich klag' nicht, daß die Töne schon verklangen,
daß nie des Lebens Herbstwind ich gespürt.
Still bin ich in die Einsamkeit gegangen,
in die ein Gott mich hingeführt. -

28. 12. 1944

Das nachfolgende Gedicht ist mir - zumindest im Moment - das liebste. Es erinnert mich doch sehr an einen meiner Lieblinsautoren, Erich Kästner, mit seinem Kurzgedicht:

Es gibt nichts Gutes
außer man tut es!

                           (Rolf Ahnsehl)


WORT UND TAT!

Kann Worte Klang
den Schaffensdrang
so regen,
beleben,
zur Höhe aufsprießen
in Taten ergießen
voll spendendem Segen,
durch emsiges Regen?
Vermag das Wort
am rechten Ort
so Ansporn sein?
Das Wort allein?

Das Wort allein
kann Künder sein!
Der Anfang, der grondet,
der Funke, der zündet
und schwelend erglüht,
oft himmelhoch sprühend

Doch feurige Flammen
schafft's nimmer zusammen!

Das Wort bleibt ein Wort
an jedwedem Ort.
Die Flammen, die Saaten
erstehen durch Taten!

1944